Die vitalen Substanzen

Essenz-Jing

Das Schriftzeichen für Jing symbolisiert die feinsten aus Reis gewonnenen Essenzen und steht allgemein für die feinsten Essenzen.
Das elementare Yin (Materie), aus dem alles Yang (physische Vorgänge bzw. Funktion) entspringt, ist Jing. Manchmal wird das Jing auch als das „Ur-Wasser“ (im Gegensatz zum „Ur-Feuer“) bezeichnet. Die (Nieren-)Essenz-Jing gilt auch als die Kombination aus dem angeborenen Vorhimmels-Jing und dem erworbenen Nachhimmels-Jing aus dem mittleren Jiao, die sich gegenseitig unterstützen und aufeinander angewiesen sind. Wasser hat die Tendenz, sich nach unten zu ergießen. Die Niere (Wasser) ist das am tiefsten liegende menschliche Zang-Organ, das die Essenz-Jing speichert. Bei einer Schwäche der Nieren-Funktion verliert sie ihre Speicherungsfähigkeit, und es kommt zu einem Jing-Verlust. Nach Frühauf (2005) steht Jing – obwohl synonym mit Samen – eben nicht nur für den männlichen Samen, sondern auch für andere verdichtete Flüssigkeiten. So können etwa Speichel (besonders jener, der spontan während der Meditation abgesondert wird), Vaginalflüssigkeit, Brustmilch oder Blut als unterschiedliche Transformationen ein und desselben Jing betrachtet werden, als verfeinerte Essenzen. Bei der Rede von Essenz-Jing sind folgende Aspekte zu unterscheiden:

Vorgeburtliches, pränatales bzw. vorhimmlisches Jing (Xian Tian Zhi Jing). Diese Essenz ist ererbt und hat ihren Sitz in den Nieren. Sie enthält die Informationen, die uns vor der Geburt gegeben wurden (z.B. genetische [materialisierte] Anlagen). Diese Essenz wird auch Reproduktions-Jing (Sheng Zhi Zhi Jing) genannt und entsteht bei der Zeugung aus der Nierenessenz beider Eltern, wird während der Schwangerschaft aus der Niere der Mutter gespeist und ernährt den Fetus bis zur Geburt. Das vorhimmlische Jing ist eng mit dem Wachstum und der Reifung eines Individuums verknüpft, die bei Frauen und Männern differieren (7/8-Jahreszyklen). Sie gibt jedem Menschen seine unverwechselbare Identität und Vitalität und stellt die Basis aller anderen körperlichen Substanzen dar. Bei negativer Energiebilanz greift der Körper auf die vorgeburtliche Essenz zurück, die nicht wieder aufzufüllen ist (aber durch die nachgeburtliche Essenz gestärkt werden kann). 

Nachgeburtliches, postnatales bzw. nachhimmlisches Jing (Hou Tian Zhi Jing). Diese Essenz ist erworben, entstammt aus den von Milz und Magen extrahierten Nahrungs-und 

Flüssigkeitsessenzen und ist daher abhängig von einer guten Funktion der Mitte. Sie wird manchmal auch als „Wasser-und-Getreide-Essenz“ (Shui Gu Zhi Jing) bezeichnet und stellt die Energiequelle des Körpers in der Zeit nach der Geburt dar. Sie wird dazu verwendet, einen konstanten Fluss an nährendem Jing zu den FK zu sichern. Bei einer ausgewogenen Lebensführung wird nur so viel Essenz verbraucht wie durch Ernährung und Atmung zugeführt wird. Wenn alle Zang-Fu gut versorgt sind, wird der Überschuss der umgewandelten vitalen Essenz in der Niere gespeichert, wo sie vom Körper (in Krisenzeiten) abgerufen werden kann.

Die „eigentliche“ Nieren-Essenz (Jing): Diese entsteht aus der Verbindung der vorgeburtlichen und nachgeburtlichen Essenz in der Niere. Vor der Geburt bildet das vorgeburtliche Jing die materielle Basis für die Entwicklung des nachgeburtlichen Jing. Nach der Geburt stärkt und fördert das nachgeburtliche Jing kontinuierlich den begrenzten Vorrat des Körpers an vorgeburtlichem Jing. Beide Essenzformen bilden daher eine untrennbare Einheit.

Das „Nieren-Jing“ umfasst sowohl das Nieren-Yin als auch das Nieren-Yang, wobei das Nieren-Qi aus der dynamischen Interaktion beider entsteht. Dieser Prozess wird v.a. durch die funktionelle Wärme des Nieren-Yang angetrieben, welches das materielle Nieren-Yin dynamisiert (Mingmen). Der Yin-Aspekt des Nieren-Jing stellt die stoffliche Grundlage für die Bildung aller materiellen Körperflüssigkeiten wie auch von Mark, Gehirn, Knochen, Blut-Xue und Sperma dar und gilt als materielle Basis für Wachstum, körperliche und geistige Entwicklung und Fortpflanzung. Zudem bildet das Nieren-Jing auch die stoffliche Grundlage für das Nieren-Yang (auch Yang-Aspekt des Jing) und die Quelle des Mingmen, das für die Erwärmung, Bewegung und Aktivierung der mit Essenz-Jing verbundenen Prozesse verantwortlich ist.

Das Nieren-Yin ist also die Quelle aller Yin-Qi-Formen im Körper. In Relation dazu ist das Nieren-Yang die Quelle aller Yang-Qi-Formen, die treibende Kraft hinter allen Prozessen des Wärmens, Erzeugens und Transformierens. Die Yin- und Yang-Aspekte der Niere sind voneinander abhängig und kontrollieren einander. Das Gleichgewicht zwischen Nieren-Yin und Nieren-Yang ist eine wichtige Voraussetzung für Gesundheit.

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